Kampf um die Angleichung: Hoffnung, Wut und Durchhaltevermögen
Für Mike Schubert, der 1998 als befristeter Kollege im Fahrzeugwerk anfing, war die Angleichung kein abstraktes Thema, sondern ein persönlicher Kampf: „Am Anfang hat man sich keine Gedanken gemacht. Aber 2003 – mit dem Streik – wurde es plötzlich real. Ich war mittendrin, habe vor Werkstoren gestanden, nicht nur bei uns in Mosel, sondern auch in Brandenburg bei ZF. Wir haben Seite an Seite gekämpft, weil wir überzeugt waren: Jetzt schaffen wir es!“
Damals hatte die IG Metall die Manteltarifverträge in Ostdeutschland gekündigt, um die 35-Stunden-Woche per Erzwingungsstreik durchzusetzen. Wochenlang standen Kolleginnen und Kollegen vor den Toren, voller Hoffnung auf die längst überfällige Angleichung. Doch die Realität war hart: Die Arbeitgeber blieben stur. Kein Entgegenkommen, keine Bereitschaft zur Angleichung – trotz klarer Forderung und massiver Unterstützung aus den Betrieben. Nach vier Wochen wurde der Streik abgebrochen – ohne Urabstimmung. Für viele ein Schock, für manche ein Bruch:
„Als der Streik nach Wochen plötzlich abgebrochen wurde, war ich sprachlos. Wir hatten so viel Hoffnung, so viel Energie reingesteckt – und dann dieser Rückzieher. Für viele war das ein Bruch, etliche Kollegen traten aus der IG Metall aus. Bis dahin gab es keinen Zweifel an der Gewerkschaft – und plötzlich war alles anders.“
Als die IG Metall das Thema Jahre später wieder aufgriff, war die Stimmung anders: „Es war höchste Zeit! Diesmal mit einer klaren Strategie und gemeinsamem Druck. Und ja – wir haben es geschafft. Auch wenn es nicht im Flächentarifvertrag gelang, war es ein großer Erfolg. Ein Stück Gerechtigkeit.“
Mike sieht die Zukunft realistisch: „Eine Medaille hat zwei Seiten. Die 35 Stunden sind ein Gewinn – mehr Freizeit, mehr Lebensqualität. Aber klar: Weniger Zeit heißt auch weniger Stückzahl, höhere Fabrikkosten. Die Frage ist: Schaffen wir das mit mehr Effizienz oder brauchen wir mehr Personal? Das wird spannend.“
Die junge Generation: Zwischen Hoffnung und Verantwortung
Melina Horst, die 2022 ihre Ausbildung bei Volkswagen begonnen hat und nach dem Auslernen weiter in der Jugend- und Auszubildendenvertretung aktiv ist, sieht die 35-Stunden-Woche positiv. Die junge Kollegin hat aber auch offene Fragen: „Ich finde es erstmal gut, wenn man die Möglichkeit hat, mehr Freizeit für sich einzuplanen. Aber aktuell ist noch nicht alles klar. Es stellt sich immer noch die Frage, wie die 35 Stunden dann tatsächlich im Arbeitsalltag umgesetzt werden.“
Ihre größte Sorge gilt im Moment mehr der grundsätzlichen Frage nach einer Zukunft im VW-Konzern: „Mit der Mitteilung letztes Jahr im September war für uns Azubis klar: Nach der Ausbildung geht es nach Wolfsburg. Tatsächlich rückt für die Jugend die 35-Stunden-Woche aktuell in den Hintergrund, weil wir uns fragen, wie es für uns überhaupt weitergeht.“
Und wie ist die Stimmung bei den Azubis, die jetzt erst ihre Ausbildung begonnen haben? „Die haben die Schlagzeilen mitbekommen, aber für sie gab es keinen Kampf. Für uns war das hingegen eine Zeit voller Unsicherheit.“ Ihr Wunsch für die Zukunft ist deshalb eindeutig: „Dass es weitergeht.“
Trotz Krise: Die Angleichung ist eine historische Errungenschaft
Die »35« im Zwickauer Fahrzeugwerk von Volkswagen und die schrittweise Einführung in anderen Betrieben wie dem VW Bildungsinstitut, bei Mahle Industries, Motherson SAS oder Clarios ist mehr als eine Zahl. Die Einführung der 35-Stunden-Woche ist das Ergebnis von Jahrzehnten voller Hoffnung, Rückschlägen und hartem Einsatz. Für die Älteren bedeutet dieser letzte Schritt der Angleichung Ost-West Gerechtigkeit nach langem Warten. Mancher, der mit für die Angleichung gekämpft hat, ist längst in Rente und hat selbst gar nichts mehr davon. Für die Jüngeren ist sie ein Versprechen – verbunden mit der Frage: Wie geht es weiter?
Die Herausforderung bleibt, auch ab 1. Januar 2026. Denn keine dieser Errungenschaften ist in Stein gemeißelt. Gerade in diesen wirtschaftlich so stürmischen Zeiten werden wir sie verteidigen müssen. Eines aber steht fest: Trotz aller Höhen und Tiefen – der Kampf um die Angleichung zeigt, was Zusammenhalt bewirken kann. Die »35« ist nicht nur eine mögliche Wochenarbeitszeit – sie ist ein Symbol für Solidarität und Durchhaltevermögen.
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