Kolleginnen und Kollegen, wir als Eure Belegschaftsvertretungen wissen nur zu gut, wie hart der wirtschaftliche Druck derzeit ist, wie eng der Wettbewerb und wie zwingend die Notwendigkeit, Dinge grundlegend zu ändern – und zwar auch mittels Stellschrauben, die schmerzvoll sein werden. Die entscheidende Frage aber ist: Wofür, also mit welchem Langfristziel, und in welchem Gesamtzusammenhang soll das passieren?
Für uns muss dafür ganz klar ein ganzheitlicher Ansatz her. Und der beginnt unserer Überzeugung nach mit den entscheidenden, zentralen Hebeln unseres Konzerns. Nicht umsonst beginnen die Eckpunkte, die wir im Rahmen von „Zukunft Volkswagen“ Ende 2024 in der Volkswagen AG abgeschlossen haben, mit dem Punkt „Konzernsteuerung“. Darin heißt es: „Im Rahmen eines gemeinsamen Projektes wird die Konzernsteuerung bis Ende des ersten Quartals 2025 überarbeitet.“ Inzwischen befinden wir uns sechs Quartale später – und nichts davon ist umgesetzt, vom Ende der Doppelrolle Oliver Blumes einmal abgesehen. An uns liegt dieses Schneckentempo nicht.
Inhalte der Aufsichtsratssitzungen unterliegen bekanntlich der Vertraulichkeit. Das gilt selbstverständlich auch für die Positionen und Initiativen der Arbeitnehmerseite in dem Kontrollgremium. Aber als Euer Konzernbetriebsausschuss ist es uns durchaus möglich, zu skizzieren, was unserer Überzeugung nach in diesem Unternehmen jetzt dringend geschehen muss anstelle von aktivistischen Kurzfrist-Lösungen wie Werksschließungen, Sparwut und Arbeitsplatzabbau nach der Rasenmäher-Methode.
Im Einzelnen lauten diese Prioritäten für uns:
In der Governance und Konzernsteuerung braucht es einen stringenten Fokus auf die Themen Technologie und Plattform. Das muss gepaart sein mit einem Konzernzielbild für die Zukunftsfähigkeit und Ausrichtung des Unternehmens mit seinen vielen Marken und Gesellschaften. Zwingend erforderlich dafür ist die rasche Umsetzung eines neuen Steuerungsmodells im Konzernvorstand. Für dessen damit verbundene personelle Zusammensetzung sind Veränderungen unerlässlich. Ein klarer Schwerpunkt muss dabei auf einem eindeutigen Mandat für die Steuerung und die Richtlinienkompetenz bei Technologie-Themen liegen. Insgesamt gilt es, den Konzernvorstand zu verschlanken und Ressorts wo nötig aufzulösen oder zusammenzulegen.
Diese Schritte sorgen für das nötige Tempo in der operativen Umsetzung der Transformation. Als dringlichste Themen stehen dabei die Lösung der Zukunftsfrage für den Standort Osnabrück und die Sicherstellung einer belastbaren Planungsrunde Nr. 75 auf der Agenda.
Hierbei sind selbstverständlich bestehende Vereinbarungen und Zusagen (wie zum Beispiel Tarifverträge und Standortvereinbarungen) einzuhalten. In Verbindung mit der Planungsrunde für die Investitionen in unsere Standorte, Produkte und Technologien muss eine Diskussion über zukunftsfähige Produktportfolios und Produktionsnetzwerke beginnen, die auch den Blick über 2030 hinaus wirft.
Und nicht zuletzt ist eine intensive Gemeinkostenanalyse ebenso unerlässlich für den Praxiseinsatz sozialverträglicher Personalinstrumente. Begleitet werden muss all das mit einer ehrlichen Kommunikation an die Belegschaft, die anstatt empathielose Allgemeinplätze zu bedienen, endlich das größte Gut unseres Konzerns wieder wertschätzt: nämlich Euch. Also die Kolleginnen und Kollegen, die leider immer öfter Gefahr laufen, den Glauben an ihren Arbeitgeber und ihre Motivation zu verlieren.
Nur mit einem stringenten Abarbeiten der skizzierten Punkte kann ein Ruck durch den Konzern gehen, den wir dringend benötigen, um den Stolz auf unsere Rollen, Aufgaben und allen voran auch auf unsere Produkte wiederzuerlangen. Denn danach dürstet es uns allen, Kolleginnen und Kollegen, egal ob im Tarif oder als Führungskraft. Das hören wir seit Monaten aus allen Marken, Gesellschaften und Himmelsrichtungen des Konzerns.
Umso begeisterter waren wir von den Signalen, die Betriebsratsmitglieder und Vertrauensleute der IG Metall am Donnerstag an Dutzenden Standorten hierzulande in Richtung der Vorstände gesendet haben. Die Botschaft war so klar wie solidarisch: Der Wandel kann der Unternehmensspitze nur gemeinsam mit der Belegschaft gelingen.
Mit unserem wie gewohnt kritischen aber auch konstruktiven Vorgehen bringen wir uns als
Konzernbetriebsausschuss zum Zukunftsplan des Konzernvorstands von Anfang an ein. Dazu gehört, dass wir bereits Mitte Mai der Unternehmensspitze einen umfangreichen Fragenkatalog zum „Group Target Picture 2030“ übermittelt haben. Er ist in 12 Themenfelder unterteilt und stellt exakt 86 Fragen. Die Antworten darauf werten wir derzeit aus. Schon jetzt zeigt sich dabei: Viel zu viel an dem Zukunftsplan weist noch große inhaltliche Lücken, Inkonsistenzen und Widersprüche auf. Nur ein Kritikpunkt unsererseits ist der bisher uns als Konzernbetriebsrat gegenüber nicht näher bezifferte weitere Stellenabbau, zu dem weder Größenordnungen oder eine Aufteilung nach Regionen, Marken und Gesellschaften noch konkrete Auslöser benannt sind.
Trotzdem stehen hier laut Spekulationen in den Medien schon Größenordnungen im Raum, die von 5.500 Stellen im Management bis hin zu 140.000 Arbeitsplätzen in der Belegschaft insgesamt reichen. Von der absurden Höhe solcher Zahlen mal abgesehen, erwarten wir bei jeder Zielgröße für mögliche Stellenreduzierungen eine detaillierte Herleitung und Debatte über den Anlass, den Sinn und Zweck sowie einen Realitätscheck zu möglichen Umsetzungswegen. Pauschale Abbau-Quoten, wie sie zum Beispiel in Bezug auf das Management schon der Presse zu entnehmen sind, lehnen wir rundheraus ab. Denn der Realität in unserem Unternehmen begegnet man nicht mit übergestülpten 0815-Konzepten, sondern mit einer eigenständigen, verantwortungsvollen Analyse im Kontext eines Gesamt-Zielbildes.
Dringend vonnöten ist in diesem Zusammenhang auch eine Debatte über die Begriffe „existenzgefährdet“ und „intelligente Lösungen“. Wir erkennen derzeit keine akute Existenzgefährdung, können aber auch nicht die Augen vor den anhaltenden schwierigen Rahmenbedingungen verschließen. Immerhin sollte nicht vergessen werden, dass der Vorstand den Konzern in den vergangenen Jahren noch derart gut aufgestellt sah, dass Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet werden konnten. Ähnliches gilt für das mantraartige Wiederholen der Aussage zu „intelligenten Lösungen“ für gefährdete Standorte. Damit diese Lösungen sich einstellen, muss der Vorstand sie liefern – und nicht nur gegenüber Medien und Investoren beschwören. Und dafür brauchen wir Spitzentechnologien und begeisternde Produkte in allen Marken – das ist Aufgabe und Verantwortung des Vorstands.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir würden Euch gerne viel Mut zusprechen und mehr Zuversicht in Aussicht stellen wollen. Aber wir wissen, dass dieser Brief Euer mulmiges Gefühl nicht schlagartig abstellen kann. Ihr sollt jedoch wissen, dass die Vertreterinnen und Vertreter Eurer Interessen vom Tarif- bis in den Führungskräftebereich quer durch alle Marken und Gesellschaften das auszeichnet, was dem Konzern-Vorstand schon längst verlorengegangen ist: nämlich als Team zu agieren und trotz aller Unterschiede das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.
Wir sind immer noch der zweitgrößte Automobilhersteller der Welt aus dem Mutterland der Mobilität. Und die wollen wir auch noch für die nächsten Generationen wettbewerbsüberlegen prägen.
Wir möchten dieses Schreiben nicht beenden, ohne auch an dieser Stelle noch einmal unmissverständlich den Kern unserer Position im laufenden Konflikt zu bekräftigen: Die Medienberichte verunsichern Euch und unsere Standortregionen zu Recht. Aber: Angriffe auf das VW-Gesetz, die Mitbestimmung und unsere Standorte sind unverantwortliche Drohungen. Sollten solche Pläne vorangetrieben werden, würden wir sie mit aller Macht verhindern. Entscheidend ist ohnehin etwas ganz Anderes: Statt blinden Aktionismus zu zeigen, sollte der Vorstand endlich seinen Job machen und sich auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren: wettbewerbsfähige Produkte, Technologien, Konzernstrukturen und -synergien und damit auch sichere Beschäftigung.
Trotz der widrigen Umstände wünschen wir Euch und Euren Liebsten eine gute, möglichst erholsame Urlaubszeit. Versucht bitte durchzuschnaufen und wo immer möglich Kraft zu tanken. Denn fest steht: Die zweite Jahreshälfte wird anstrengend werden. Aber wir wissen auch, sollte es zu einer längeren Auseinandersetzung mit dem Konzernvorstand kommen, können wir uns auf alle Belegschaften im Konzern verlassen.
Mit kollegialen Grüßen
für den Konzernbetriebsausschuss
Volkswagen: Daniela Cavallo, Jürgen Mahnkopf, Daniela Nowak, Carsten Büchling,
Stavros Christidis, Manfred Wulff, Björn-Gerhard Harmening, Mario Albert, Thomas Aehlig,
Olaf Glöckner, Jürgen Placke, Gerardo Scarpino, Markus Bieber, Dariusz Dabrowski
AUDI AG: Rita Beck, Alexander Reinhart
MAN/ TRATON: Karina Schnur
Porsche AG: Harald Buck, Ibrahim Aslan, Carsten Schumacher
Everllence: Astrid Kluge
Financial Services: Andreas Krauß
Sowie alle weiteren Mitglieder des Konzernbetriebsrats
Für die Volkswagen Management Association
Arno Homburg