Volkswagen Rücknahme der Tarifkündigungen gefordert - es droht massiver Konflikt

Die IG Metall hat VW aufgefordert, die Kündigung von zehn Tarifverträgen bis Ende Oktober zurückzunehmen. Andernfalls bahnt sich ein noch nicht dagewesener Arbeitskampf an. Zudem wies die Gewerkschaft die "Idee" des Unternehmens nach einer öffentlich geförderten Transfergesellschaft zurück.

Aktionstag Zwickau 21.09. Helge Gerischer

23. Oktober 2026 23. Oktober 2026


Die IG Metall hat Volkswagen aufgefordert, die Kündigung von zehn Tarifverträgen bis Ende Oktober zurückzunehmen. Andernfalls wird das Unternehmen mit einem noch nicht dagewesenen Arbeitskampf rechnen müssen. Gleichzeitig fordert die IG Metall den Arbeitgeber dazu auf, im laufenden Konflikt mit der ersten Runde der Tarifverhandlungen nicht erst bis Dezember zu warten, sondern schon im November zu beginnen. Verhandlungsführer der Gewerkschaft, Thorsten Gröger, und Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo äußerten sich in Hannover. Anlass war das zweite Überprüfungsgespräch Ende letzter Woche nach dem Zukunftstarifvertrag von 2024.

Kündigung ohne artikuliertes Ziel

Volkswagen hat am 30. September 2026 nahezu das gesamte Tarifwerk gekündigt. Ungekündigt blieben im Wesentlichen jene Verträge, die das Unternehmen derzeit nicht kündigen kann – etwa der Zukunftstarifvertrag mit der unkündbaren Beschäftigungssicherung sowie die Altersteilzeit. Welche Forderungen der Vorstand damit verbindet, hat er bis heute nicht gesagt.

„Der 30. September markiert eine Zäsur, für die es in der Geschichte des Konzerns kein Vorbild gibt“, erklärt Gröger und führt aus: „Volkswagen hat die Sozialpartnerschaft zu Grabe getragen. Wo Maß und Mitte geboten wären, rückt das Unternehmen mit der Planierraupe an.“

Einzelne Verträge zu kündigen, um über Änderungen zu verhandeln, ist übliche Praxis. Das ganze Tarifwerk aufzukündigen, ohne ein Ziel zu nennen, ist einmalig in der VW-Geschichte. Für Mitglieder der IG Metall wirken die Regelungen unmittelbar nach.

Die Beschäftigten haben ihren Teil längst geleistet. Seit der Einigung von 2024 tragen sie jährlich 1,5 Milliarden Euro zur Senkung der Arbeitskosten bei. Die letzte Tabellenerhöhung liegt rund zweieinhalb Jahre zurück. Sie verzichten auf Teile der Ergebnisbeteiligung und des erhöhten Urlaubsentgelts, zahlreiche Beschäftigte arbeiten länger. In den Werken kommen durch betriebliche Anpassungen etwa kürzere Pausen, höhere Taktung und dichtere Arbeit hinzu. Standort für Standort wird an den Fabrikkosten gearbeitet.

Was Volkswagen 2024 unterschrieben hat

Für den Verzicht der Belegschaft hat Volkswagen 2024 jedem der zehn Werke Zusagen gegeben. Sie stehen in den Anlagen des Tarifvertrags und in den jeweiligen Standortpapieren. Beide tragen die Unterschrift der Arbeitgeberseite.

Emden fertigt den ID. Tiguan, das Elektropendant des Verbrenner-Champions, und erhält ab 2031 eine Nachfolgebelegung, sobald die Fabrikkostenziele erreicht sind. Nach Hannover soll die B-Space-Familie mit Caravelle, Transporter und Bulli kommen. Zwickau behält den Fahrzeugbau über die 2030er-Jahre hinaus und startet in die Kreislaufwirtschaft. In Wolfsburg soll mit dem Gamechanger das modernste Produktionsverfahren Europas entstehen, mit drei Modellen auf der SSP-Plattform. Die Komponentenwerke erhalten Investitionen in alle Schlüsselkomponenten der Elektromobilität. Für Osnabrück wurde eine Nachfolge in der Rüstungsindustrie gefunden. Für die Beschäftigten, die dort noch keine Perspektive haben, bleibt das Unternehmen in der Verantwortung. In Dresden endete der Fahrzeugbau, hier ist die dortige Technische Universität eingestiegen. Außerdem bleibt der Standort weiterhin Auslieferungs- und Vertriebsstandort in Ostdeutschland.

Dazu gilt die unkündbare Beschäftigungssicherung bis Ende 2030. Betriebsbedingte Kündigungen sind bis dahin ausgeschlossen. „Diese Zusagen sind nicht im luftleeren Raum entstanden. Sie wurden hart verhandelt. Und auf ihre Einhaltung werden wir weiterhin mit allem Nachdruck bestehen. Wir erwarten auch vom Vorstand jene Treue“, betont Cavallo, Vorsitzende des Gesamt- und Konzernbetriebsrats.

Neuen Geschäftsfeldern verschließt sich die Arbeitnehmerseite nicht. Die Werke bringen Erfahrung, Technik und Menschen mit, etwa für die humanoide Robotik. Was fehlt, sind unternehmerischer Wille und Investitionen. „Für uns gilt dabei eine klare Ordnung: Neues darf Bestehendes ergänzen, aber nicht ersetzen“, sagt Cavallo. „Wer neue Perspektiven für unsere Standorte eröffnen will, findet uns jederzeit als konstruktiven Partner – daran werden wir auch in entsprechenden Strukturen mitwirken. Wer unter dem Etikett des Neuen hingegen bereits gegebene Zusagen abräumen will, wird auf unseren entschiedenen Widerstand treffen.“

Die IG Metall wird ein eigenes Zukunftskonzept für Volkswagen vorlegen. Zuerst ist der Vorstand am Zug, schließlich hat dieser mit seiner Kündigung der Tarifverträge nicht mal eigene Forderungen übermittelt.

Nullrunden per Dekret

Medienberichten zufolge plant der Vorstand Nullrunden in allen Konzerngesellschaften weltweit bis 2030. Betroffen wären rund 660 000 Beschäftigte im weltweiten Netz des Konzerns, wozu 111 Produktionsstandorte zählen. In Deutschland beginnen die Tarifrunden für rund 275 000 Beschäftigte gerade erst. Über Tarife entscheiden im Konzern die Tarifvertragsparteien vor Ort. Ein Beschluss aus Wolfsburg ändert daran nichts. Auffällig ist das Enddatum: Ende 2030 läuft auch die Beschäftigungssicherung aus.

„Wäre das alles nicht eine so ernste Angelegenheit für Hunderttausende abhängig Beschäftigte, müsste man das Vorgehen des Vorstandes eigentlich als Schildbürgerstreich abtun“, erklärt Cavallo. Und weiter: „Und natürlich werden die gewerkschaftlich organisierten Belegschaften auch zukünftig überall auf der Welt ihren fairen Anteil einfordern und im Zweifel mit Nachdruck durchsetzen.“

Frist bis Ende Oktober

Die IG Metall erwartet, dass Volkswagen die Kündigungen der Tarifverträge zurücknimmt. Die Frist endet Ende Oktober. Am 31. Dezember endet die Friedenspflicht. „Wir erwarten, dass Volkswagen diesen Vertrauensbruch rückgängig macht. Noch bleibt Zeit zur Einsicht“, sagt Gröger. „Hat das gekündigte Paket Bestand, setzt sich eine Maschinerie in Gang, die eine massive Auseinandersetzung mit allen Eskalationsstufen des Arbeitskampfes vorbereitet. Das kann nicht das Ziel des Vorstands sein.“

Der Manteltarif liegt offen

Hält Volkswagen an den Kündigungen fest, liegt das gesamte Tarifwerk auf dem Tisch. Auch Verträge, die bislang nicht verhandelbar waren. Die IG Metall wird dazu eigene Forderungen stellen. „Den Manteltarifvertrag hätten wir von uns aus nicht angetastet. Nun liegt er offen auf dem Tisch“, so der Bezirksleiter. „Betriebsräte, Vertrauensleute und Beschäftigte wissen genau, wo sich das Tarifwerk verbessern lässt. Die einschlägigen Paragrafen sind bereits zusammengestellt.“

Auf der Agenda für kommende Tarifgespräche stehen zudem eine Fortführung der bewährten Altersteilzeit und eine Beschäftigungssicherung weit in die 2030er-Jahre.

Verhandeln, wo es um Werke geht

Nach der Schieds- und Schlichtungsvereinbarung müssen die Verhandlungen spätestens am 3. Dezember beginnen. Die IG Metall will bereits am 24. November starten und fordert den Arbeitgeber zu Tarifverhandlungen auf. Ein mögliches Verhandlungsergebnis legt die IG Metall ihren Mitgliedern zur Abstimmung vor, sie haben das letzte Wort. Zuerst soll nach Auffassung der Gewerkschaft in Emden verhandelt werden, dann in Hannover und Zwickau.

„Tarifverhandlungen gehören dorthin, wo die Zukunft der Standorte auf dem Spiel steht“, sagt Gröger. „Wer mit der Existenz Zehntausender spielt, muss sich der Reaktion der Belegschaft stellen. Eine Nähe zur Vorstandsetage im Markenhochhaus ist dafür der falsche Ort.“

Abschließend erklärt die Arbeitnehmervertretung bei VW: „Wir suchen diesen Konflikt nicht. Niemandem liegt die Zukunft von Volkswagen so am Herzen wie der Belegschaft. Aber sie lässt sich keine Zugeständnisse abpressen. Generationen von Mitgliedern haben den Haustarifvertrag erkämpft. Und so werden wir ihn verteidigen!“

VW-Vorstand will offenbar Sanierung auf Kosten der Steuerzahler 

Im zweiten Überprüfungsgespräch im Rahmen des Zukunftstarifvertrags ließ der Vorstand viele wichtige Fragen der Gewerkschaft offen. Er war nicht bereit darzulegen, ob und wie er seine Zusagen aus dem Jahr 2024 einhalten will. Stattdessen will der Vorstand zusätzliche Instrumente, um Personal massiv abzubauen, und zwar standortübergreifend. Konkret heißt dies: Der Volkswagen-Vorstand will Personal über eine öffentlich geförderte Transfergesellschaft abbauen. Diesen Vorschlag hat er im zweiten Überprüfungsgespräch unterbreitet. Die IG Metall weist ihn entschieden zurück, wie bereits in den Tarifverhandlungen 2024. Sie wertet ihn als tarifpolitischen Wortbruch ohne tragfähige Rechtsgrundlage.

Daniela Cavallo, Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates der Volkswagen AG: „Die Belegschaft hat ihre Beschäftigungssicherung teuer bezahlt. Der Vorstand will sie nun durch die Hintertür über eine Transfergesellschaft aushebeln – auf Kosten der Beitragszahler. Das haben wir 2024 abgewendet und wir stellen uns auch jetzt wieder entschieden dagegen.“

Eine Transfergesellschaft schlägt eine Brücke vom alten in ein neues Arbeitsverhältnis. Beschäftigte wechseln per Vertrag in eine eigenständige Einheit bei einem externen Träger. Ihr bisheriges Arbeitsverhältnis endet mit diesem Schritt. Bis zu zwölf Monate erhalten sie dort Beratung, Bewerbungstraining und Weiterbildung. Die Bundesagentur für Arbeit ersetzt 60 Prozent des ausgefallenen Nettoentgelts, mit Kindern 67 Prozent. Der frühere Arbeitgeber stockt diesen Betrag häufig auf. Wer danach keine Anschlussbeschäftigung findet, ist arbeitslos. Das Instrument richtet sich an Menschen, deren Arbeitsplatz zu entfallen droht. Bei Volkswagen aber sind betriebsbedingte Kündigungen bis 2030 durch die unkündbare Beschäftigungssicherung ausgeschlossen.

Diesen Ausschluss regelt der Zukunftstarifvertrag aus dem Tarifabschluss von Dezember 2024. Die Beschäftigten haben dafür hart gekämpft und erhebliche Opfer gebracht. Sie verzichten seit Anfang 2025 Jahr für Jahr auf 1,5 Milliarden Euro, etwa auf Sonderzahlungen und weitere Entgeltbestandteile. Der von VW forcierte Abbau von mehr als 35 000 Stellen erfolgt ausschließlich sozialverträglich. Er läuft über Altersteilzeit und Abfindungen. Die Revisionsklausel erlaubt beiden Seiten, ein Gespräch über veränderte Bedingungen zu verlangen. Ein Recht, Zusagen einseitig aufzuweichen, folgt daraus nicht. Aus Sicht der IG Metall scheint der Vorstand die Klausel sowie eine mögliche Transfergesellschaft als Hebel gegen die Beschäftigungssicherung missbrauchen zu wollen.

Aktionäre sind vor Beitragszahlern in der Pflicht

„Bevor die Beitragszahler einspringen, sind die Aktionäre in der Pflicht“, so Thorsten Gröger, Verhandlungsführer der IG Metall. „Es darf nicht sein, dass die Allgemeinheit zahlt, während die Anteilseigner weiter Dividenden kassieren.“

Die IG Metall setzt Transfergesellschaften bei Betriebsänderungen und Werksschließungen durch. Statt Beschäftigte in eine Transfergesellschaft zu schieben, sollte das Unternehmen die Zukunft von Volkswagen sichern. Dazu gehören neue Produkte, neue Märkte und technologische Führerschaft. „Der Vorstand setzt seine Kraft am falschen Ende ein“, führt Gröger aus und fügt an: „Sie gehört in Autos, die die Menschen kaufen wollen, und in Märkte, auf denen Volkswagen wachsen kann. Stattdessen fließt Euro um Euro an Unternehmensberater. Diese bringen Kahlschlag, aber keinen Funken Zukunft. Mit Streichlisten gewinnt man keinen einzigen Kunden.