Volkswagen-Konzern Audi-Chef als Trumps Wahlkampfhelfer - Interview mit Daniela Cavallo

Die politische Bühne für die Ankündigung einer möglichen Audi-Fabrik in den USA hätte größer kaum sein können. Der Auftritt von Audi-Chef Gernot Döllner am Sonntag bei einem Wahlkampftermin von US-Präsident Donald Trump hat heftige Wellen geschlagen.

Daniela Cavallo

26. Oktober 2026 26. Oktober 2026


Der Auftritt des Audi-Chefs Gernot Döllner in einer Wahlkampf-Veranstaltung des US-Präsidenten Donald Trump hat am Wochenende heftige Wellen geschlagen und tut das noch immer. Da sind beispielsweise die Reaktionen der deutschen Medien. Selbst jene als eher konservativ bekannten Redaktionen kritisierten die Geschehnisse vom Wochenende so scharf wie einhellig. 

Die Frankfurter Allgemeine kommentiert:
"[Döllners] Glaubwürdigkeit hat gelitten, weil er sich in einer populistischen Inszenierung zum Wahlkampfhelfer für Trump gemacht hat."

Noch härter teilt das Handelsblatt aus:
"Es ist eine Sache, Geschäfte zu machen mit Ländern, die es nicht so genau mit den Menschenrechten und demokratischen Werten nehmen. Doch es hat eine ganz andere Qualität, Wahlkampfhilfe für einen rassistischen und offensichtlich korrupten, Europa attackierenden und Diktatoren hofierenden US-Präsidenten zu leisten. Der Audi-Chef hat damit eine Grenze überschritten. Wenn deutsche CEOs offenbar kein Problem damit haben, einem xenophob und frauenfeindlich auftretenden Trump im Wahlkampf auszuhelfen, was hält sie dann noch davon ab, das Gleiche auch bei der in Teilen rechtsextremen AfD zu tun? Offenbar reicht es, wenn genügend Geld und Vergünstigungen versprochen werden, um grundlegende Werte zu vernachlässigen. In Deutschland gab es diese Art der Verführung von Unternehmen schon einmal – den Ausgang kennen wir alle."

Wirtschaftswoche:

"Make America Great Again – made by Ingolstadt! Ausgerechnet ein deutscher Autobauer wird zum besten Wahlhelfer von Donald Trump. Döllner lieferte den Beweis, den der US-Präsident kurz vor den Midterms am 3. November so dringend braucht. Den Beweis für seine vermeintlich erfolgreiche Industriepolitik. Thank you, Gernot!"

Trump verspricht USA neues Audi-Werk - finale Entscheidung steht aber erst noch aus

Erschwerend hinzu kommt: Es gibt noch gar keine Entscheidung für den Bau der ersten Audi-Fabrik in den USA. Auch, wenn Trump diesen Eindruck erweckte. IGM bei VW berichtete darüber bereits am Sonntagmorgen (siehe diesen Artikel). Für die Arbeitnehmerseite sind noch zu viele Fragen offen, als dass eine finale Zustimmung derzeit als sicher gelten könnte. Entsprechend groß sind die Vorbehalte, die Christiane Benner und Jörg Schlagbauer noch am Sonntag äußerten. Auch Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies äußerte Vorbehalte.

Die Konzernbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo hatte sich am Sonntag noch nicht persönlich geäußert. Am heutigen Montag macht sie es im folgenden Interview. Ihre Botschaft: 

Audis Wahlkampf-Auftritt mit Trump ist in mehrfacher Hinsicht hochproblematisch

Frage: Daniela, Gernot Döllner als Wahlkampf-Helfer für Donald Trump - was löst das in Dir aus?

Antwort: Es fällt einem nicht leicht, aber man muss versuchen, die verschiedenen Ebenen dabei voneinander zu trennen: Es gibt da die nüchtern-wirtschaftliche Ebene, die innerbetriebliche, die politische und die ethisch-moralische Ebene. Audis Wahlkampf-Auftritt mit Trump ist in mehrfacher Hinsicht hochproblematisch.

Frage: Fangen wir bitte mit der ersten Ebene an, der wirtschaftlichen!

Antwort: Rein betriebswirtschaftlich kann die Lokalisierung der Audi-Fertigung in den USA Sinn ergeben. Die Zoll-Hürden sind wegen Trump hoch, sie kosten den Konzern Milliarden, der Export aus Europa und Mexiko hat sich enorm verteuert - und das nicht nur für unsere Marken Audi und Porsche, sondern auch für die Pkw-Kernmarke und die Volkswagen Nutzfahrzeuge. Der US-Markt ist einer der lukrativsten und größten der Welt und unser Marktanteil dort immer noch viel zu klein. Es spricht also vieles für eine verstärkte Fertigung in den USA. Allerdings sind dabei viele Fragen offen, auch nach Audis Ankündigung zu den Plänen für eine US-Fabrik.

Frage: Was bleibt unklar?

Antwort: Audi selber rechnet mit einem Produktionsstart erst für Anfang der 2030er Jahre, sollte die Fabrik tatsächlich kommen. Die Frage ist, was in den Jahren bis dahin passiert. Gibt es im Gegenzug zu der Lokalisierung in den USA Zollerleichterungen für den gesamten VW-Konzern? Falls ja: Welcher Natur sind die und vor allem welchen Bestand hätten solche Zusagen auch über einen möglichen Regierungswechsel in den USA hinaus?

Frage: Du sprichst auch von einer innerbetrieblichen Ebene, was hat es damit auf sich?

Antwort: Dazu haben wir uns bereits umgehend positioniert. Egal, ob Jörg Schlagbauer, Christiane Benner, wir als Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat insgesamt oder auch Ministerpräsident Olaf Lies: Wir alle haben sofort klargemacht, dass eine neue US-Fabrik - übrigens ganz egal von welcher Marke im Konzern - nur dann infrage kommt, wenn wir Klarheit über die Auswirkungen für die übrigen Werke haben, insbesondere die in Deutschland. Ich kann da nur im Wortlaut wiederholen, was wir dazu schon am Sonntagmorgen erklärt haben: "Auch beim Thema lokale US-Produktion gilt: Die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat betrachtet die Investitionsentscheidungen im Rahmen der Planungsrunde stets ganzheitlich mit ihren Auswirkungen für alle Standorte, Marken und Gesellschaften im Konzern. Zusätzliche Produktion in neuen Standorten muss immer darauf einzahlen, dass auch die bestehenden Standorte im weltweiten Produktionsverbund am Ende des Tages profitieren. Insofern gibt es intern in unseren Gremien etliche offene Fragen zu beantworten."

Frage: Das heißt, die Arbeitnehmerseite wird einem Fabrikneubau im Aufsichtsrat nicht zustimmen?

Antwort: In der aktuellen Situation könnte es unsererseits noch gar keine Zustimmung geben. Ohne ein Gesamtbild zur Planungsrunde mit dem Gesamtblick auf alle Standorte geben wir kein Grünes Licht. Das heißt im Umkehrschluss, dass eine Entscheidung erst noch aussteht. Ob wir der Option für den Fabrikneubau, die es in Perry im US-Bundesstaat Georgia nun gibt, am Ende zustimmen, ist derzeit offen.

Frage: Du hast eingangs auch von einer politischen Ebene gesprochen.

Antwort: Wer die Rede von Donald Trump gehört hat und dann wahrnehmen musste, dass in Gestalt von Herrn Dr. Döllner eines unserer Konzernvorstandsmitglieder zum aktiven Teil dieser Veranstaltung wurde, muss vor Scham im Boden versinken. Etliche Minuten voller Rassismus, Sexismus, Fremdenhass, Transphobie, Verächtlichmachung der Demokratie ... und dann tritt einer unserer obersten Konzern-Repräsentanten auf die Bühne und betreibt aktive Wahlkampfhilfe für Donald Trump. Seit dem 25. Oktober können wir unsere sieben Konzerngrundsätze eigentlich beerdigen. Unser Konzern-Vorstand hat sich von einer höchst zweifelhaften politischen Figur, die gegen so ziemlich jeden unserer Unternehmenswerte verstößt, zur Marionette in dessen Propaganda-Show machen lassen. Und natürlich verbietet es sich, gewisse historische Vergleiche zu Donald Trump zu ziehen. Der Umstand, dass aber umgehend die ersten Vergleiche zu unserer Konzerngeschichte gezogen wurden, spricht für sich. Es ist ein Spiel mit dem Feuer.

Frage: Abschließend hattest Du die ethisch-moralische Ebene benannt. An was denkst Du da?

Antwort: Neben den Aspekten, die ich eben in Sachen politischer Dimension schon angerissen habe, gibt es auch klare interne Richtlinien, in deren Licht das Vorgehen von Herrn Dr. Döllner mindestens mal problematisch ist. Erst vor wenigen Monaten hat Herr Döllner selber diese Prinzipien hier unterschrieben. Ich zitiere daraus: "Unsere Mitarbeitenden achten außerdem auf Neutralität im Umgang mit Parteien und Interessengruppen und pflegen den Kontakt zu demokratischen Parteien. Um diesen Grundsatz zu respektieren, werden in den drei letzten Monaten vor Wahlen keine öffentlich wirksamen Termine mit zur Wahl stehenden Parteien/Politiker[n] und keine Sponsorings von entsprechenden Veranstaltungen mehr durchgeführt." Man muss da nun nicht lange diskutieren: Hier liegt sicherlich ein klarer Verstoß vor.

Frage: Wann hat die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat von der Veranstaltung mit Trump und den Inhalten erfahren?

Antwort: Keine 48 Stunden vorher. 

Frage: Und Eure Reaktion?

Antwort: Eine klare Warnung davor, dass es genau so desaströs ausgeht, wie es jetzt kam. Wobei ich das rückblickend einschränken muss: Es ist glaube ich alles noch schlimmer gekommen.